Serie: Digitale Transformation der Versicherungswirtschaft – Teil 2

Serie: Digitale Transformation der Versicherungswirtschaft – Teil 2
07.03.2017 kathrinkempf
digitalisierung

Unsere Lebenswelten und die Produkte, die wir nutzen, vernetzen sich zunehmend. Die Digitalisierung macht die Nutzung von Produkten und Dienstleistungen transparenter. Anwendungen können besser auf die Nutzer angepasst werden. Das betrifft auch die Versicherungswirtschaft in einigen relevanten Bereichen. Über vernetzte Fahrzeuge lässt sich das Fahrverhalten aufzeichnen und kann so einen Bezug zur Versicherungsprämie bekommen. „Smart Homes“ lassen sich besser steuern, bewachen und damit versichern. Intelligente Kleidungsstücke und Accessoires zeichnen die Vitalfunktionen ihrer Träger auf und können Aufschluss über Lebensstil und Gesundheitszustand geben. Hochinteressante Daten für Personenversicherungen.

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Vor einigen Wochen haben wir im ersten Teil dieser Serie erläutert, welche Auswirkungen die zunehmende Nutzung der digitalen Kanäle auf die Kundeninteraktion von Versicherungen haben. Die Kunden erwarten ein Multichannel-Angebot bei Information und Abschluss. Insbesondere der mobile Kanal bietet viele neue Möglichkeiten der Kundenbindung. Digitalisierung bringt Potenziale der Automatisierung (z.B. im Schadensmanagement) und damit der Kosteneinsparung mit sich.

Heute, im nächsten Teil der Serie, möchten wir die Bedeutung der Digitalisierung für das Angebot der Versicherer analysieren. Die Digitalisierung der Produktwelt zieht nach sich, dass die Nutzung von Produkten und Services sehr detailliert aufgezeichnet werden kann. Dies eröffnet der Versicherungswelt zum ersten Mal die Möglichkeit, Nutzungs-bezogene Tarife anzubieten.

Angebot Nutzungs-basierter Tarife

AllianzDie Allianz bietet seit knapp einem Jahr den „Pay-how-you-drive“ (PHYD) Tarif BonusDrive in Deutschland an, bei dem vornehmlich junge Fahrer unter 29 Jahren bis zu 40% Versicherungsprämie sparen können, sofern das Fahrverhalten als moderat und sicher eingestuft wird. Dafür muss lediglich ein Bluetooth-Dongle im Zigarettenanzünder angebracht werden. In Verbindung mit der BonusDrive App werden so Daten gesammelt. Diese beziehen sich auf das Bremsverhalten, die Beschleunigung, die Geschwindigkeit, das Fahrverhalten in Kurven sowie die Zeit der Fahrzeugnutzung und die Straßenart. Aus diesem Datenmix leitet sich die Tarifersparnis ab.

Innerhalb der ersten vier Monate generierte die Allianz 10.000 Kunden für diese Tarifoption. Damit ist der Versicherer nach eigenen Angaben deutscher Marktführer in diesem Segment.

Generali LogoGenerali bietet seit Mitte letzten Jahres den Verhaltens-basierten Tarif „Vitality“ im Bereich Risikolebens- und Berufsunfähigkeitsversicherung an. Hier können im Gegenzug für einen gesunden Lebensstil Prämienboni gesammelt werden. Dieses Angebot wird allerdings von Daten- und Verbraucherschützern relativ kritisch diskutiert. Zum einen werden eine Vielzahl hochsensibler, personenbezogener Daten gesammelt. Zum anderen wird die Frage gestellt, ob hier chronisch kranke und ältere Versicherte nicht systematisch benachteiligt werden.

Ähnlich wie die Allianz und Generali experimentieren viele deutsche Versicherer momentan mit Nutzungs-basierten Tarifoptionen. Insbesondere im Bereich Connected Car.

Diese neuen, dynamischen Arten der Versicherung ziehen Chancen und Herausforderungen für die alteingesessenen Versicherer nach sich. Sie öffnen jedoch auch den Markt für neue Teilnehmer. So denken beispielsweise Mercedes und Opel über eigene Pay-how-you-drive Tarife nach. Aber auch für Internetkonzerne und Start-up Unternehmen eröffnen sich neue Spielfelder. Über dieses Wettbewerbsgemenge werden wir in einem weiteren Teil dieser Serie berichten.

Potenzial Nutzungs-basierter Tarife

Experten und Marktforschungsunternehmen glauben, dass IoT-basierte Tarife zukünftig einen relevanten Teil des Versicherungsmarktes ausmachen werden. Allerdings wird dies noch eine Weile dauern. Dabei werden Pay-how-you drive Tarife klar eine Vorreiterrolle bei der Marktdurchdringung einnehmen.

Laut einer Studie von Roland Berger vom März 2015 offerierten bereits 60% der Top Versicherungen in einigen selektierten europäischen Märkten Nutzungs-basierte Kfz-Versicherungstarife. In den Bereichen Connected Home (z.B. Wohngebäude und Hausrat) und Connected Self (Kranken- und andere Personenbezogene Versicherungen) war dieser Anteil mit 6% und 3% eher gering. Eine kürzlich durchgeführte Analyse von Frost & Sullivan berechnet eine Anzahl von 100 Millionen PHYD-Verträgen für das Jahr 2020. Nehmen wir einen weltweiten Fahrzeugbestand von ca. 1,5 Mrd. für das Jahr 2020 an (Schätzungen schwanken), dann wäre das weltweit ein Marktanteil von ca. 7%. Für die Bereiche Home und Self dürften diese Zahlen weiterhin geringer ausfallen.

In Märkten wie den USA, UK oder Italien werden sich PHYD-Tarife besonders durchsetzen. Vor allem jüngere Zielgruppen, die Tarifsenkungen für verantwortungsvolles Verhalten akzeptieren, werden „Early Adopters“ sein.

Eintrittsstrategien

IoT Strategie Insurance

Zwei grundsätzliche Eintrittsstrategien in den IoT Markt für Versicherer
Quelle: iq! Managementberatung

In vielen Fällen werden IoT Versicherungen Teil eines Ökosystems. Des Ökosystems Connected Car, das z.B. durch den OEM gesteuert wird. Oder des Ökosystems Connected Home, dessen Operator Nest oder Qivicon sein können. Die Verbindung zwischen Versicherung und Ökosystem kann mehr oder weniger aktiv gesteuert werden. Das Angebot „Smart Home Allianz Assist“ offeriert der Versicherer beispielsweise gemeinsam mit der Panasonic IoT Welt.

In anderen Fällen kann der Versicherer zentraler „Hub“ eines Ökosystems werden. So bilden Generali und die Vitality Vitaltracker-App den Kern eines Ökosystems, das ausbaufähig ist. So könnten Fitnessstudios, Ernährungsseiten, etc. in das Programm integriert werden. Das US-amerikanische Start-up „beam“ bietet nicht nur eine Nutzungs-basierte Versicherung an, sondern die intelligente Zahnbürste gleich dazu. Hier wird der Versicherer zum echten IoT Anbieter.

Versicherungskonzerne sollten sich ihre Ökosystem-Strategie sehr genau überlegen. Es ist zu bestimmen, ob es ein Ökosystem-unabhängiges Versicherungsangebot gibt oder ob gezielt strategische Partnerschaften eingegangen werden. Auch um das eigene Versicherungsangebot lassen sich, mit oder ohne IoT Produkt, Ökosysteme ansiedeln.

Vertrieb und Betrieb

Der Vertrieb Nutzungs-basierter Tarife stellt neue Anforderungen an den Vertrieb. Das reine Versicherungsprodukt dringt tiefer in die Märkte Auto, Gesundheit oder Wohnen ein. Das erfordert Expertise seitens des Maklers in diesen Belangen. Die Berechnung von Versicherungsprämien wird individueller und dynamischer. Auch diese Zusammenhänge muss der Vertrieb vermitteln können.

Eine große Chance bietet sich den Versicherungskonzernen im Hinblick auf neue Marktteilnehmer, die eigene Tarife (oder White Label Modelle) anbieten möchten. Da ein potentes Vertriebsnetzwerk teuer und aufwändig zu installieren ist, könnten die etablierten Marken den Vertrieb übernehmen und so die Schlüsselpositionen im Zugang zum Kunden unter Kontrolle behalten.

Im Rahmen von IoT Versicherungen werden riesige Mengen an Daten gesammelt, übermittelt und ausgewertet. Diese Technologien und Prozesse müssen in die Abläufe der Versicherer integriert werden. Eine signifikante Investition in IT-Strukturen und Ressourcen ist oftmals nötig. Die Individualisierung der Prämien stellt neue Anforderungen an Abrechnung und Kundenservice. Die Standards in punkto Datensicherheit und Datenschutz müssen gewährleistet sein.

Nutzungs-basierte Versicherungen sind nicht nur eine weitere Tarifoption, sondern ziehen einen ganzen „Rattenschwanz“ an neuen Herausforderungen für den Vertrieb, die IT und das Kundenmanagement nach sich.

Fazit

Es bleibt spannend, wie schnell sich Nutzungs-basierte Tarife im Versicherungsbereich durchsetzen werden. Die großen Versicherer sollten  eigene Angebote lancieren, um die Marktmechanismen kennen zu lernen und das Angebot zu optimieren. Strategische Überlegungen hinsichtlich Zielgruppen und passenden Ökosystemen sind äußerst relevant, um nicht von immer größer werdenden IoT Netzwerken verdrängt zu werden.

 

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