Serie: Digitale Transformation der Versicherungswirtschaft – Teil 3

Serie: Digitale Transformation der Versicherungswirtschaft – Teil 3
14.04.2017 kathrinkempf
digitalisierung

Die Versicherungsindustrie gilt als schwerfällig, das Geschäftsmodell hat sich über Jahrzehnte nur geringfügig verändert. Es basiert auf Langzeitpolicen mit einem Kundenstamm, mit dem die Versicherungskonzerne Langzeitbeziehungen eingehen.
Mit dem zunehmenden Erfolg von „Sharing Economy“ Modellen wie Uber, Airbnb oder Upwork steht die Versicherungsindustrie nun vor einer großen Herausforderung. Die zeitweise Übertragung der Nutzungsrecht an Autos, Wohnungen oder Arbeitskräften zwischen Privatpersonen oder auch Unternehmen erfordert neue, flexible und digital abschließbare Versicherungspolicen.

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Digitale Transformation der Versicherungswirtschaft
Quelle: iq! Managementberatung

Die Sharing Economy

In der Sharing Economy passiert etwas außergewöhnliches: Unternehmen wie Uber oder Airbnb stellen weder Produkte her noch besitzen sie Inventar. Sie vermitteln lediglich Dienstleistungen zwischen zwei Privatpersonen oder zwischen Unternehmen und Privatpersonen, also „Peer-to-Peer“. Oder stellen die Plattform zur Verfügung, auf der Privatpersonen oder Unternehmen sich austauschen können.

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Erfolgreiche Plattformgeschäfte
Quelle: Tom Goodwin

19% der Amerikaner haben schon einmal die Sharing Economy genutzt, d.h. eine Fahrt in einem Ride-Sharing Service gebucht oder sich in ein zur Vermietung freigegebenes Privatzimmer auf einer Urlaubsreise eingebucht, etc. Die stärkste Nutzergruppe sind dabei die 18- bis 24jährigen, die die geringsten Berührungsängste mit diesen neuen Geschäftsmodellen haben.

Die Nutzerzahlen und Umsatzvolumina, die über die wichtigsten Plattformen der Sharing Economy bewegt werden, sind bemerkenswert. So hat Uber 8 Millionen Nutzer, bei Airbnb sind es inzwischen sogar 65 Millionen. Das Vermittlungsportal für Privatunterkünfte operiert in 192 Ländern, Uber in 68. Der geschätzte Börsenwert der großen P2P-Portale liegen allesamt im Milliardenbereich. Uber ist mit 62 Milliarden das am höchsten bewertetste nicht-börsennotierte Start-up der Welt, der Wert von Airbnb wird mit 31 Milliarden angesetzt.

Überblick Sharing

Kennzahlen wichtiger Unternehmen der Sharing Economy
Quelle: Cognizant, „The Sharing Economy“

Das Beratungshaus PriceWaterhouseCoopers bezifferte zu Beginn letzten Jahres das Umsatzpotenzial der Sharing Economy auf 335 Mrd. USD für das Jahr 2025. Folglich ein nicht zu verachtender Markt – auch für die Versicherungsbranche.

Auf der andere Seite gibt es auf Nutzer- und Plattformseite ebenfalls einen großen Bedarf an Absicherung. Viele Modelle basieren (noch) auf dem Prinzip des gegenseitigen Vertrauens. Nachdem ein über Airbnb vermietetes Appartement in San Francisco jedoch völlig zerstört und geplündert wurde (der Vorfall wurde unter dem Begriff „Ransackgate“ bekannt), hat Airbnb eine „Host Guarantee“ eingeführt, die Vermieter bis zu einer Höhe von 1 Mio. USD absichert.

Versicherung für die Sharing Economy – Herausforderungen

Verschiedene Nutzungsszenarien. Die „Provider“, die freie Kapazitäten in einer Sharing Economy zur Verfügung stellen, wechseln zwischen privater und kommerzieller Nutzung ihres Besitzes (Haus, Auto, etc.) hin und her. Der Versicherer hat diese wechselnde Nutzung in der Gestaltung von passenden Versicherungsangeboten zu berücksichtigen.

Konstrukte versicherungsrechtlich neu. Die zu versichernden temporären Nutzungsszenarien sind versicherungsrechtlich zum Teil Neuland. Sie gehören nicht zum bisherigen Standardgeschäft. Deshalb sind zum Teil neue Regelungen auszuarbeiten, die gesetzgebenden Instanzen sind mit einzubeziehen. So arbeitete beispielsweise die California Public Utilities Commission (CPUC) eine Phasenmodell aus, nachdem Schadensfälle beim Ridesharing versicherungsrechtlich geklärt werden können.

Uber Phases

Versicherungsrechtliches Phasenmodell zur Klärung von Schadensfällen beim Ridesharing
Quelle: Marketplace Academy

Komplexe Haftungsfragen. In den verschiedenen Vorgängen und Transaktionen der Sharing Economy Modelle kann es zu vielfältigen Haftungsfällen kommen, je nachdem zu welchem Zeitpunkt genau und mit welchem Zutun Schadensfälle passieren. Wer haftet z.B. wenn ein UBER Fahrer seine UBER App eingeschaltet hat und in Bereitschaft ist, wenn er einen Unfall verursacht? Wer ist dafür verantwortlich, wenn eine über Airbnb vermietete Wohnung vom Mieter nicht ausreichend gesichert wurde und durch Dritte geschädigt wird?

Versicherung für die Sharing Economy: Digitale Distributionsmodelle notwendig

Die Sharing Economy benötigt zeitlich begrenzte, flexible und modulare Versicherungsangebote. Diese über einen Makler zu vertreiben ist nur in den wenigsten Fällen sinnvoll. Generell gibt es bei der Vermarktung drei Ansätze:

Vertrieb an die Plattform. Die „Host Protection Insurance“ sichert die Gastgeber, die ihre Immobilien über Airbnb vermieten gegen Schäden in Höhe von bis zu 1Mio. USD ab. Der Versicherungsschutz wird von Lloyds of London abgewickelt. Sie ist für die Gastgeber kostenfrei und wird von Airbnb finanziert. Ein anderes Beispiel ist die Zusammenarbeit zwischen Axa und Blabla Car. Oder die von Metromile und Uber.

Vertrieb über die Plattform. Andere Modelle sind denkbar, bei denen der Versicherungsschutz zwar über die Plattform angeboten wird, um das Angebot gebündelt z.B. bei Registrierung oder Abschluss zu offerieren, jedoch vom User oder Provider proaktiv abgeschlossen und gezahlt werden muss. Existierende Beispiele sind hier z.B. das Angebot von Reiserücktrittsversicherungen bei der Buchung von Flügen oder Urlaubsreisen, die in den Buchungsprozess eingebunden sind.

Vertrieb an die teilnehmenden Einzelparteien (User und Provider). Dieses dezentrale Modell ist von der Abwicklung her sicher am schwierigsten. Auf diesem Weg sind jedoch Plattform-übergreifende Angebote für die Abdeckung von gewissen Risiken möglich.

Allen Ansätzen ist gemein, dass in den allermeisten Fällen nur eine digitale Distribution sinnvoll ist. Die Versicherung muss im richtigen Moment zur Verfügung stehen, die Buchungsprozesse sollten schlank sein und ggf. Wiederholbuchungen weiter erleichtern.

Neue Wettbewerber

Disruptive Entwicklungen in einem Markt öffnen meist die Tore für „new entrants“. Das zunehmende Aufbrechen der Marktstrukturen hat eine ganze Reihe Insurtech Start-ups hervorgebracht, die Versicherung neu denken und auch die Herausforderungen der digitalen Distribution angehen. Einige Beispiele sind:

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Das gut finanzierte Start-up Lemonade (u.a. durch Google Ventures und Sequoia) verfolgt ein Peer-to-Peer Versicherungsmodell und ist damit selbst ein Teil der Sharing Economy. Versicherungsprämien werden gepoolt und die Überschüsse entweder ausgezahlt oder gespendet. Lemonade zeichnet sich durch einfache Registrierungsprozesse aus und setzt auf Artificial Intelligence, um das Abwicklungsmanagement zu automatisieren und Kostenstrukturen immer schlanker zu machen.

Metromile

Metromile offeriert eine Nutzungs-basierte Kfz-Versicherung. Sie bezieht lediglich die gefahrene Strecke, nicht das Fahrverhalten in die Berechnung der Versicherungsprämie mit ein. Der Versicherungsnewcomer bietet Uber Kunden eine maßgeschneiderte Absicherung, die gegen Schadensfälle während des Ridesharings versichert.

Slice

„On-Demand Insurance for the on-demand economy“ bewirbt das Start-up Slice seine „Homeshare“ Versicherung. Vermietete private Immobilien können tageweise in unterschiedlichen Schadensklassen versichert werden. Das Schadensmanagement wird ebenfalls zum Großteil digital abgewickelt. Das Start-up kooperiert mit der Munich Re, was die Absicherung von Risiken angeht.

Dies sind nur einige Beispiele für Insurtech Start-ups, die die Sharing Economy mit maßgeschneiderten Angeboten bedienen möchten und gleichzeitig neue Wege der Kundenakquisition und -Betreuung gehen.

Partnerschaften als Erfolgsfaktor

Grundsätzlich lässt sich sagen, dass Kooperationen und Partnerschaften zwischen alteingesessenen Versicherungskonzernen und Start-ups, die technologische Innovationen unbürokratisch und schnell umsetzen, sehr sinnvoll sind. Auf den stark regulierten und kapitalintensiven Versicherungsmärkten ist es für Newcomer äußerst schwierig, völlig auf sich allein gestellt Angebote zu platzieren. Auf der anderen Seite tun sich die „alten Hasen“ im Versicherungsgeschäft sehr schwer, innovative Modelle, die zum Großteil digital funktionieren, anzubieten. Deshalb sind viele Partnerschaften gut funktionierende „Win-Win-Konstellationen“, wie z.B. die Zusammenarbeit zwischen Slice und der Munich Re.

Versicherung für die Sharing Economy: Enabler

Es gibt einige technologische Entwicklungen, die das Angebot neuer und innovativer Versicherungsmodelle, die auf die Sharing Economy zugeschnitten sind, erleichtern. Wir möchten zwei Beispiele erwähnen.

Blockchain ist eine Technologie, die die digitale Abwicklung, Legimitierung und dezentrale Speicherung von Transaktionen und Verträge ermöglicht. Der iq! Blogartikel „Technologien, die man kennen sollte: Blockchain“ widmet sich diesem Thema. Sogenannte „Smart Contracts“, die über die Blockchain geschlossen werden, erlauben eine direkte Abrechnung zwischen einem Device (z.B. einem Plug-in im Auto) und dem Nutzer. Der Vermittler der Versicherung wird überflüssig, was viele Start-up Unternehmen bei der Entwicklung von eigenständigen Angeboten unterstützten dürfte.

Darüber hinaus sind die Entwicklungen auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz für Insurtech Start-ups hochrelevant. Eine Versicherung für die Sharing Economy sollte sich auch in der Kundenabwicklung von traditionellen Konzernen absetzen. Für die Automatisierung des Kundenmanagements und der Schadensbehandlung ist „Artificial Intelligence“ ein großes Thema. So besitzt beispielsweise Lemonade zwei ChatBots, die Kundenanfragen beantworten, lernen und immer besser werden. Mehr zu Chatbots finden Sie im iq! Blogartikel „ChatBots – werden Sie Apps ablösen„.  Für Insurtech Start-ups ist es einerseits wichtig, Prozesse für die Kunden zu entschlacken und attraktiver zu machen. Andererseits besitzen sie keine großen Vertriebsteams und sind ein Stückweit gezwungen, neue Wege der Kundenbetreuung zu beschreiten.

Fazit

Je größer die Sharing Economy wird, desto mehr Druck werden Versicherungskonzerne spüren, die veränderten Lebenswelten adäquat zu versichern. Neue Wettbewerber nutzen innovative technologische Entwicklungen, um passende zeitlich begrenzte und flexible Angebote zu definieren und im gleichen Zug den Kundenservice zu automatisieren. Die großen Konzerne sollten sich den Entwicklungen stellen und passende Partner suchen, dann werden sie vom gegebenen Innovationsdruck profitieren. Insbesondere die jungen Bevölkerungsschichten, die erst zu versichernd sind, partizipieren in der Sharing Economy und sind eine wichtige Zielgruppe.

 

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