Werden Apps von den neuen, smarten Chat Bots verdrängt?

Werden Apps von den neuen, smarten Chat Bots verdrängt?
12.04.2016 Dr. Nikola Bachfischer

Die Zukunft gehört den Bots. Jedenfalls wenn es nach Microsoft geht. Auf der hauseigenen Entwicklerkonferenz Build erklärte Microsoft-Chef Satya Nadella jüngst, die menschliche Sprache sei die neue Benutzerschnittstelle und Bots die neuen Apps. Bislang gilt:  „There is an app for that“. Gibt es doch praktisch nichts, was man mit Apps nicht machen kann. Hat dieser Slogan, den sich Apple 2010 schützen ließ, bald ausgedient? Aktuell dreht sich alles um die sogenannten Bots. Gemeint sind Softwareprogramme, die weitgehend selbstständig arbeiten und intelligent auf Text- oder Sprachbefehle reagieren können. Werden sie ein ähnlich atemberaubendes Wachstum und eine ähnliche Bedeutung erreichen wie die Apps? Oder diese gar verdrängen?

Skype Developer Bot PlatformMicrosoft sieht in den digitalen Assistenten ein entscheidendes Zukunftsfeld
Quelle: Screenshot Skype Developer Platform for Bots

Die App Economy ist erwachsen geworden
Mittlerweile steckt in fast jeder Tasche ein Smartphone. Darauf installierte Apps sind heute aus unserem Alltag kaum mehr wegzudenken. Die Zahlen der App Economy sind beeindruckend: Knapp vier Millionen Apps sind verfügbar (u.a. 1,5 Mio. in Googles Play Store, 1,4 Mio. in Apples App Store, 360k bei Amazon und 340k in Microsofts Windows Phone Store). Allein 2015 haben Kunden in Apples App Store mehr als 20 Mrd USD ausgegeben. Der Neujahrstag 2016 war mit einem Umsatz von 144 Mio. USD der bislang umsatzstärkste Tag der App Store Geschichte. 2015 wurden weltweit 400.000 neue Apps bei Google und Apple veröffentlicht, wie aus dem „Global Mobile 2016“-Report des App-Analytics-Anbieter Tune hervorgeht. Die Zahl der App-Downloads stieg von 130 Mrd (2014) auf 180 Mrd (2015). Bis 2020 rechnet Tune mit einem Wachstum von weltweit über 360 Mrd App-Downloads.

App Downloads Wachstum 2020Kein Ende des App Wachstums in Sicht
Quelle: App-Analytics-Anbieter Tune „Global Mobile 2016″-Report, 2016

Die schlechte Nachricht: Die App-Industrie wird von wenigen großen Publishern dominiert. Die Apps, die es plattformübergreifend mittlerweile auf über 1 Mrd Downloads bringen, sind alle von Facebook oder Google. Reichweite wird zunehmend kostspieliger. Gleichzeitig schwindet die Euphorie der Nutzer, die es mühsam finden, für jede Aufgabe eine App downzuloaden und zwischen den Apps zu navigieren. Ein Viertel der Apps wird nach dem Download nur ein einziges Mal ausprobiert! Gegen den Trend wachsen dagegen Messenger Apps. Mehr als 2,5 Mrd. Menschen haben wenigstens einen Messenger installiert und nutzen ihn regelmässig, allen voran Facebook Messenger und WhatsApp. In ein paar Jahren sollen es laut Activate rund 3,6 Mrd. Nutzer sein. Rund die Hälfte der Weltbevölkerung.

Der Bot Store von Bot-Pionier Telegram
Dieses Wachstum sollen Bots toppen? Was sind ‚Bots‘ eigentlich? Zunächst einfach die Abkürzung von ‚Robot‘ – im Grunde also nichts anderes als ein Computerprogramm, das bestimmte Aufgaben automatisiert und selbstständig ausführt, meist auch wiederholt. Bots, die letztlich auf künstlicher Intelligenz beruhen, können den Nutzer bei der Erledigung vielfältiger Aufgaben helfen: Sie können Pizza bestellen oder Flüge buchen, Meetings organisieren oder Termine verwalten. Und das alles über eine kurze Text- oder Sprachnachricht an den Bot. Innerhalb bestimmter Messenger Apps sind Bots bereits sehr präsent. Als Pionier gilt Telegram, eine Messenger App mit 100 Mio. aktiven monatlichen Nutzern, die bereits im Sommer 2015 eine Bot-Platform startete, über die Entwickler ähnlich einem App-Store Bots anbieten können. Anfang April launchte der unter US Teenagern populäre Messenger Kik ebenfalls einen Bot Store. Zum Start sind 16 Bots verfügbar. Über diese können Markenunternehmen eine Art Chat-Roboter anbieten, um mit den weltweit 275 Mio Kik-Nutzern in den Dialog zu treten. Zum Launch sind 16 Bots verfügbar, die u.a. von H&M, Sephora und dem Weather Channel stammen.

„Bots are simply Telegram accounts operated by software – not people – and they’ll often have AI features. They can do anything – teach, play, search, broadcast, remind, connect, integrate with other services, or even pass commands to the Internet of Things.“

Telegram Bot StoreBot Store der Chat App Telegram: Zahlreiche Bots, die Dienstleistungen anbieten
Screenshot: Telegram

„The Bot Shop features bots from a list of our partners, including Funny Or Die, Riffsy, Sephora, Vine, and The Weather Channel, with more to come. Find laughs, watch videos, get makeup tips, see the hottest GIFs, and find out if it’s going to rain tomorrow… You can do it all on Kik.“

Kik Bot ShopZahlreiche Marken sind im Bot Store des Messenger Kik vertreten
Quelle: Screenshot Kik

Microsofts plant neues Chatbot Ökosystem: Cortana, der Nutzer und die Bots von Drittanbietern
Anfang April präsentierte nun Microsoft nicht nur die jüngsten Funktionen für Windows 10 und die Entwicklerversion der Datenbrille HoloLens. Im Mittelpunkt stand das Ökosystem der Chatbots. Mit dieser neuen Strategie will Microsoft den Rückstand auf Apple und Google bei den Apps Stores kompensieren. In seiner Keynote erläuterte Satya Nadella auch, warum das jüngste Experiment mit dem ersten Chatbot Tay auf Twitter trotz aller Unzulänglichkeiten nur ein weiterer Schritt auf diesem Weg ist. Tay, ein Bot der von Nutzern lernen sollte, wie junge Menschen sprechen, war auf Twitter gescheitert, da die Nutzer ihn mit rassistischen Inhalten fütterten, die Tay aufgriff. Microsoft beendete den Piloten, der in Asien als chinesischer Bot Xiaoice seit 18 Monaten in Betrieb ist und mittlerweile 40 Mio. Nutzer hat.

Was Bots leisten können, erläuterte Microsoft an Beispielen: So erkennt der Sprachassistent Cortana während eines Skype Gesprächs bspw., dass der Nutzer eine Konferenz besuchen möchte. Automatisch blockiert der Bot nun den entsprechenden Zeitraum im Kalender des Nutzers und aktiviert gleichzeitig den Bot einer vom Nutzer präferierten Hotelkette. Dieser schlägt dem Nutzer Zimmer vor, inkl. Bildern und Preisen, und reagiert auch auf Rückfragen. All das, ohne das Gespräch und Skype verlassen zu müssen. Über die neue Skype Bot Platform können Entwickler eigene Bots für Skype erstellen.

Für Microsoft ist Sprache die neue Benutzerschnittstelle

Und was machen die anderen großen US Techkonzerne?
Facebook ist bereits im Spiel. Branchenexperten erwarten, dass Mark Zuckerberg auf der heute und morgen stattfindenden f8 Developer Konferenz ein Bot Entwickler Programm sowie einen Online Shop für Bots vorstellen wird. Nicht nur Dialoge sollen dann im Facebook Messenger ablaufen, auch einkaufen, Flüge oder Hotelzimmer buchen, werden dann möglich sein. Ein digitaler Assistent wie Cortana allerdings fehlt Facebook noch. Und auch die Techkonkurrenz schläft nicht: Zwar hat Google den Messaging Markt anderen überlassen, doch arbeitet der Konzern laut WSJ an einer neuen Messaging Lösung auf Grundlage künstlicher Intelligenz. Mit Google Now gibt es bereits einen sprachgesteuerten Assistenten. Strategisch nicht trivial. Denn smarte Messaging Assistenten, die Fragen der Nutzer beantworten und Probleme lösen können, könnten zukünftig durchaus eine Bedrohung der marktführenden Position im Suchmarkt sein. Mit Siri bzw. Alexa haben auch Apple und Amazon digitale Assistenten am Start. Allerdings ist Apples Messenger-Dienst auf konzerneigene Geräte beschränkt und bislang nicht für Entwickler außerhalb des Apple-Imperiums offen.

KLM lässt über Facebook Messenger für Flüge einchecken
Seit kurzem setzt mit KLM bereits die erste Fluglinie auf einen Facebook Messenger Bot. Passagiere können damit alles, was ihren Flug betrifft, künftig über Facebook erledigen. Der Bot informiert per Messenger über Check-in-Zeiten, stellt die Bordkarte aus und informiert über Flugverspätungen, Gate-Änderungen und ähnliches.

Die Chat Bots des Facebook Messengers sind da: Zunächst mit Fluginformationen von KLM

Fazit: Ist die Zeit der Apps also nun vorbei? Klare Antwort: Derzeit (noch) nicht – dazu sind die von Apple und Google beherrschten App Ökosysteme aktuell zu dominant. Gleichzeitig ist die App Ökonomie in Bedrängnis. Geld mit Apps zu verdienen, wird zunehmend schwieriger. Und warum soll ein Nutzer eine eigenständige App installieren, um etwa einen Flug zu buchen, wenn auch ein kurzer Sprachbefehl im Chatfenster der Messenger App genügt? Zwischen Bots zu wechseln erfordert nicht das Laden einer App. So könnten einzelne Messaging Apps selbst zur Plattform bzw. automatisierte Chatbots die Zukunft des Onlinevertriebs und des modernen Kundensupports werden. Und wer künftig ausreichend Informationen über Bots bekommt, der googelt auch nicht mehr. Das alles zeigt: Befeuert durch die enorme Popularität der Messenger Apps entsteht mit den Bots aktuell ein neues Software Ökosystem. Der Kampf um den Platz auf dem Smartphone der Nutzer geht gerade erst los.

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