Hannover Messe 2016: Industrie 4.0 benötigt Weiterbildung 4.0

Hannover Messe 2016: Industrie 4.0 benötigt Weiterbildung 4.0
18.04.2016 Dr. Nikola Bachfischer

Es gibt Studien, die besagen, dass die Digitalisierung jeden zweiten Job bedroht. Inwieweit dies zutreffen wird, darüber wird seit Jahren heftigst diskutiert. Unbestritten aber ist, dass künstliche Intelligenz und lernende Maschinen für vielfältige Anwendungen zunehmend wichtiger werden und Roboter wie Computer in fast jeden Bereich unserer Arbeit vordringen. Die Mitarbeiter vorzubereiten auf die Arbeitswelt der Zukunft wird zu einem der entscheidenden strategischen Erfolgsfaktoren. Welche Rolle aber wird der Mensch im Arbeitsleben künftig spielen? Welche Aufgaben übernehmen? Und wie wird er darauf vorbereitet? Weiterbildung 4.0 versucht, Antworten auf diese Fragen zu finden und ist dabei, die Art und Weise, wie wir lernen, vollkommen neu zu gestalten.

Integrated Industry Hannover Messe 2016

„Betriebsabläufe verändern sich grundlegend. Fast alle Unternehmen der Branche wollen bis 2020 ihre gesamte Wertschöpfungskette digitalisieren“
Quelle: Hannover Messe 2016, Infografik ‚Intergrated Industry – Discover Solutions‘

Weiterbildung 4.0 steht im Fokus der Hannover Messe
Leitthema der am Sonntag beginnenden weltweit wichtigsten Industriemesse ist 2016  das Thema „Integrated Industry – Discover Solutions“. Denn längst ist die vernetzte Industrie keine Zukunftsvision mehr sondern bereits Realität. Doch welche Rolle wird der Mensch in diesem Szenario künftig spielen? Welche neuen Anforderungen kommen auf ihn zu? Folgende Beispiele ausstellender Unternehmen illustrieren sehr gut die neuen Anforderungen:

  • Stichwort ‚Predictive Maintenance‘ von ABB:
    Mit der ‚vorausschauenden Wartung‘ setzen Maschinen- und Anlagenbauer auf Sensoren, mit deren Hilfe Maschinen selbstständig mitteilen, dass sie in Kürze gewartet werden müssen. Anhand dieser Daten kann der Anlagenhersteller dem Betreiber frühzeitig Wartungsleistungen anbieten und so sein Servicegeschäft ausbauen. So stellt bspw. der Technologiekonzern ABB einen ‚Smart Sensor‘ vor – dieser misst Zustandsdaten von Niederspannungsmotoren wie Temperatur, Vibration oder Überlastung und sendet sie an einen Server. Diese kontinuierlich gemessenen Parameter werden Basis für exakte Analysen über den Zustand des Motors. Produktivität und Verfügbarkeit sollen sich so verbessern und Produktionsunterbrechungen durch voraus­schauende Wartung vermeiden lassen. Das Potenzial wäre riesig: Bisher arbeiten laut Unternehmensangaben rund 100 Mio. dieser Motoren ohne Überwachung, nur in bestimmten Fällen lohnte bisher der Aufwand. Nun sollen die smarten Sensoren, die in einen etwa zigarettenschachtelgroßen Kasten eingebaut und für rund 50 Euro erhältlich sind, die Motoren von ABB sowie die anderer Hersteller einbinden. Die Analyse der gespeicherten Daten eröffnet nicht nur für ABB vollkommen neue Geschäftsmodelle im Bereich Wartung und Service – alle Mitarbeiter müssen geschult und auf die damit verbundenen neuen Aufgabenstellungen vorbereitet werden: So muss bspw. nur noch der Austausch eines defekten Motors lokal vor Ort erbracht werden, die Überwachung einer Anlage in China kann aber auch durch einen Serviceprovider in Indien erfolgen. Mitarbeiter müssen geschult werden in der Auswertung von Echtzeitdaten. In der analogen Berufswelt dagegen reichte es aus, sich an die vorgegebenen Wartungspläne zu halten oder bei Ausfällen einzuspringen.

abb_condition monitoring

Digitalisierung erfordert ein ganz anderes Verhalten der Mitarbeiter als in der Vergangenheit
Quelle Screenshot: ABB, Hannover Messe

  • Stichwort ‚Digitale Schulungen‘ von Festo Didactic
    Ein weiteres Beispiel stellt der Automatisierungsspezialist Festo mit seiner Tochterfirma Festo Didactic und der ‚Cyber Physical Factory‘ vor. Die CP Factory ist Teil eines modularen Lernsystems zur Vermittlung von Industrie 4.0-Kenntnissen. Sie bildet die Stationen einer realen Produktionsanlage modellhaft ab und integriert relevante Technologien der Mechatronik und der Automation. Den Kern dieser Lernfabrik bilden flexibel kombinierbare Basismodule, auf die unterschiedliche Applikationsmodule aufgesetzt werden können. In die Lernfabrik können bspw. bewusst Fehler in der Maschinensteuerung einprogrammiert werden, die vom Mitarbeiter gefunden und behoben werden müssen. Festo selbst setzt in seinen eigenen Produktionsanlagen und bei seinen Fach- und Führungskräfte auf sog. ‚One-Point-Lessons‘ – Mitarbeiter aus der Produktion können sich während der Arbeitszeit abmelden, um sich mit neuen Problemstellungen vertraut zu machen. Mal 30 Minuten, mal eine Stunde. Für AUDI soll Festo demnächst eine entsprechende Lernfabrik in Mexiko aufbauen.

Qualifizieren für die Zukunft der Produktion mit der Cyber Physical Factory, einer modularen Lernfabrik
Promotionfilm der Festo Didactic, 2016

  • Stichwort Virtual und Augmented Reality
    Die Fabrik der Zukunft verändert viele Industrieberufe. Wie Weiterbildung 4.0 hier konkret aussehen kann, zeigt etwa der Einsatz der neuen Datenbrillen aus dem Bereich der virtuellen Realität. Ob winzige Schraube, komplette Fabrikhalle oder Motorenwartung, alles lässt sich mit den neuen Datenbrillen virtuell begutachten. Einer der Hauptvorteile liegt in der Visualisierung: So werden Großbaustellen bspw. schon in der Planungsphase erlebbar, Mitarbeiter können im Umgang mit komplexen Maschinen geschult werden, ohne vor Ort sein zu müssen. VR kann die Weiterbildung also vor, während und nach dem Einsatz unterstützen. AR erlaubt es, zusätzlich Informationen einzublenden, die den Lernenden unterstützen.

AR Anwendungen können zusätzliche Informationen einblenden
Quelle Foto: TU Chemnitz/Christian Kollatsch

Fazit: Die Digitalisierung bringt eine erhebliche Zunahme der Dynamik und häufig auch grundlegend andere Aufgaben als in der Vergangenheit. Eine der größten Herausforderungen besteht darin, Mitarbeiter auf diesem Weg nicht zu verlieren und sie mitzunehmen auf diese Reise in die digitale Zukunft. Intersdisziplinäre Aus- und Weiterbildungen werden damit zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor. Beispiele wie die Lernfabrik der Festo Didactic zeigen mögliche Wege auf. Denn auch Qualifizierung muss sich verändern. Nur dann wird es gelingen, die Zukunftschancen der Industrie 4.0 für Wirtschaft und Arbeitswelt zu nutzen.

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