Wie Weight Watchers durch Apps, Wearables und Fitnessvideos an Bedeutung verliert

Wie Weight Watchers durch Apps, Wearables und Fitnessvideos an Bedeutung verliert
20.04.2015 Dr. Nikola Bachfischer

Binnen eines Jahres mehr als 20% der Kunden in den USA verloren. 14% weniger Umsatz im Jahresvergleich. Und ein Gewinn, der von Quartal zu Quartal schrumpft. Die Traditionsmarke Weight Watchers ringt um Relevanz in einer Zeit, in der Fitnesstracker, Online Video Tutorials und Abnehm Apps wichtiger werden als ritualisierte Gruppentreffen. Weight Watchers ist zu einem weiteren Fall eines Unternehmens geworden, dessen Geschäftsmodell im Zeitalter des Internet of Things in Frage gestellt wird.

Weight Watchers USA und DWeight Watcher Börsenkurs 3 JahreSeit Anfang des Jahres ist der Aktienkurs des Unternehmens um mehr als 70% eingebrochen
Quellen: Screenshot Weight Watchers USA und D | Börsenchart: finanzen.net

‚Klassische Disruption‘: Technologie statt Gruppentreffen
In Deutschland ist Weight Watchers, nach eigenen Worten Marktführer bei Dienstleistungen und Produkten für ein aktives Gewichtsmanagement inkl. eigener Angebote im Fertiggerichtemarkt, seit 1970 präsent; aktuell nutzen jede Woche rund 360.000 Teilnehmer das breite Serviceangebot. Weltweit kommen jede Woche mehr als zwei Millionen zu den 40.000 Gruppentreffen. Doch obwohl wissenschaftlich in x Studien als erfolgreich getestet und vertrauenswürdig wahrgenommen, erscheint das Angebot aus der Zeit gefallen. Junge Menschen finden Apps, Tracker oder YouTube Videos spannender als Gruppentreffen.

Das Angebot ist riesig, die Reichweite oftmals auch. Yoga-Kurse, Victoria’s Secret-Trainings oder Sixpack-Workouts: Werbefinanzierte Fitness Channel auf YouTube wie BeFit des Entertainmentunternehmens Lionsgate haben Millionen Abonnenten. Health- und Fitness Communities wie Runtastic bieten ein Rundum-Sorglos Paket für einen modernen, gesunden Lebensstil. Instagram Accounts wie der von Iza Goulart folgen 1,8 Mio. Abonnenten. Eine Kalorienzähler App wie MyFitnessPal zeichnet sich durch umfassende Datenbank aus, die nicht nur rund eine Million Mahlzeiten und drei Millionen Nahrungsmittel beinhaltet, sondern auch rund 350 Fitnessübungen. Solche Apps sind kostenlos, ohne Verpflichtungen und setzen ebenfalls auf die Community zur Motivation. Kostenlose Apps zum Gewichtsmanagement und Diät-Apps als persönlichen Coach für jeden Diät Typ … Die Liste ließe sich fast endlos fortsetzen. Dazu kommen die neuen Wearables wie Jawbone, mit dessen neuestem Band Up4 man zukünftig auch bezahlen kann. Die Smartwatches, allen voran Apple mit der neuen Health Applikation. Laut einer aktuellen Onlineumfrage der Marktforschungsanalysten von YouGov haben rund 40% der Deutschen mindestens eine Selbstvermessungsapp auf ihrem Smartphone, drei Viertel davon nutzen sie auch.

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Apps und Videos auf dem Smartphone oder Tablet gewinnen zunehmend Marktanteile:
Sie sind immer und überall on-the-go verfügbar
Quelle: Analyse iq!, Screenshots verschiedener Unternehmenswebsites

Chancenlos gegenüber den Neueinsteigern?
Nun ist Weight Watchers nicht tatenlos und versucht selbst, etwa auf den Erfolg der Wearables zu reagieren. Bereits 2012 wurde zusammen mit Philips ein Fitnessgeräte namens ActiveLink herausgebracht, seit Juni 2014 gibt es in Deutschland eine Kooperation mit FitBit und auch andere Traker sind mittlerweile kompatibel. Forciert werden ausserdem die Internetaktivitäten; neue Online Programme sollen die Gruppentreffen ersetzen, doch wird damit erstmal weniger Geld verdient. Mit Rabattaktionen wie „3 Kilo leichter“ sollen neue Kunden gewonnen und mit attraktiveren Social Media Angeboten bestehende gehalten werden. In den USA wurde gerade ein persönliches Diät Coaching eingeführt, Experten sind im 7/24 Chat für die Mitglieder da. Gleichzeitig wurde ein 100 Mio. Dollar Sparprogramm verkündet. Programme wie ‚Weight Watchers At Work‘ sollen neue Märkte wie den lukrative Officemarkt erobern. Mit steigendem Umsatz rechnet das Unternehmen selbst aber nicht vor 2016.

Und nun erwächst auch aus der Ecke der Sportartikelhersteller neue starke Konkurrenz: Der Hersteller Under Armour hat gerade die Ernährungs- und Fitness-Apps MyFitnessPal und Endomondo übernommen – für rund eine halbe Milliarde Dollar. Eigenen Angaben zufolge sollen die beiden Apps zusammen 100 Millionen Nutzer haben. Das Ziel ist klar: Je mehr Workout, desto mehr Equipment wird benötigt. Der Weg dahin führt über eine digitale Community, ein digitales Ecosystem mit einer enormen Datenbasis, das wiederum hilft, eine höhere Relevanz in den Köpfen der Verbrauchern zu erreichen. Die Frage, die sich stellt: Warum tat Weight Watchers diesen Schritt nicht?

Weight Watchers Online 1

Mit zahlreichen Programmen versucht das Unternehmen, auf die neue Konkurrenz zu reagieren
Quelle: Analyse iq!, Screenshots Weight Watchers

Fazit: „Das Hauptrisiko für die Gesellschaft liegt im kulturellen Wandel und der damit einhergehenden abnehmenden Bereitschaft der Konsumenten, die Weight Watchers Treffen zu besuchen“ – so schreibt das Unternehmen selbst in einem aktuellen Finanzbericht. Und das in einem boomenden Markt: Die Zahl der Fitness- und Diätwilligen war noch nie höher. In den USA etwa sind mehr als zwei Drittel der Erwachsenen zu dick. Auch in Deutschland sprechen Studien wie der aktuelle DKV Bericht von zuvielen Kalorien und zu wenig Bewegung. Doch v.a. junge Leute empfinden Weight Watchers als zu unmodern und zu teuer. Um den Turnaround zu schaffen, muss das Unternehmen aber gerade für diese Kundengruppen wieder attraktiv werden und neue Märkte erobern. Nur wenn es gelingt, das Geschäftsmodell enstprechend zu justieren, wird Weight Watchers es schaffen, ein relevanter Teil der neuen digitalen Ecosysteme zu werden.

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